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Ringvorlesung „Zufluchtsort Deutschland. Interreligiöse Perspektiven“: Vortrag von Prof. Dr. Ursula Münch am 8. März 2017

10.03.2017 - 09:39

„Zwischen Integrationsgesetz und Fremdenhass – die Bedeutung politischer Bildung für die Einwanderungsgesellschaft“ – Vortrag von Ursula Münch

Am 08. März 2017 fand in den Räumen der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) Benediktbeuern die zweite Veranstaltung der Ringvorlesung „Zufluchtsort Deutschland – Interreligiöse Perspektiven“ statt. Referentin des Abends war die Direktorin der Politischen Akademie Tutzing, die Vorsitzende des Kuratoriums der KSFH und die Professorin für Politikwissenschaften an der Universität der Bundeswehr München, Prof. Dr. Ursula Münch. Sie sprach vor Studierenden und Lehrenden an der KSFH sowie zahlreichen Gästen aus der Region zum Thema „Zwischen Integrationsgesetz und Fremdenhass – die Bedeutung politischer Bildung für die Einwanderungsgesellschaft“. Die Moderation des Abends übernahm Annette Eberle, Dekanin der KSFH, mit Unterstützung der Studierenden Hannah Krüll-Ruop, die eine Foto-Ausstellung zur Fluchtthematik durchführte  und Johannes Faller, der gemeinsam mit  AsylberwerberInnen ein Theaterprojekt initiierte.

Ihren Vortrag gliedert Münch (im Bild rechts) in drei Fragen, die sie nach und nach beantwortet: Zunächst beschreibt sie die Rolle von Migration als Thema von politischer Bildung. Dazu betont Münch die Aktualität dieses Themas und definierte „Religiöse, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Konflikte verständlich zu machen“ als Aufgabe der Politischen Bildung.

Zweitens beschäftigt sie sich mit der Frage „Was kann Politische Bildung zur Integration von Flüchtlingen beitragen?“. Dazu macht Münch deutlich, dass Integrationskurse, lediglich dazu dienen, sprachliche Kenntnisse zu vermitteln. Politische Bildung richtet sich dagegen an MultiplikatorInnen (Ehrenamtliche, SozialarbeiterInnen etc.). Es geht darum, das politische System im jeweiligen Land zu vermitteln. Als Basis dafür sieht Münch die Orientierung am Pluralismus – also an unterschiedlichen Positionen, innerhalb der Gesellschaft. „Dies kann nur funktionieren, wenn sich jeder an die unumstößlichen Spielregeln im Land hält und die Rechtsstaatlichkeit akzeptiert“, stellt Münch klar. In diesem Kontext befürwortet Münch Arbeitsverbote für neue ankommende AsylbewerberInnen mit der Begründung, dass so politisch falsche Anreize geschaffen würden. Sie spricht sich für die Sicherung der Landesgrenzen und faire Handelsbeziehungen aus. Gleichzeitig bekräftigt sie, dass Kriegsflüchtlinge in Deutschland Asyl beantragen können. Sie sollen aus dem Kriegsland ausgeflogen werden, damit sie nicht mit Flüchtlingsbooten das Mittelmeer durchqueren müssen.

Drittens thematisierte sie Politische Bildung als Gegenmittel zu Extremismus und Populismus. In diesem Bezug erwähnte die Direktorin der Politischen Akademie Tutzing, dass heutzutage Vereine und politische Parteien immer mehr an Popularität einbüßen. Stattdessen bevorzugen die Menschen heutzutage das kurzzeitige Engagement in Bürgerinitiativen und Helferkreisen, aus denen sie sich schnell wieder zurückziehen können. Der Entwicklung, dass ein Mitglied voll mit seiner Organisation übereinstimmen muss, damit er/sie sich dafür engagiert, sieht Münch kritisch entgegen. Sie schreibt der politischen Bildung die Aufgabe zu, zu vermitteln, dass ein Einzelner in der Politik nichts ausrichten kann, sondern nur gemeinsam etwas verändert werden kann. „Die Gesellschaft, in der wir leben, kennzeichnet ein geringer werdendes Vertrauen in Institutionen, in Parteien und allgemein in Politik, das sich schon durch die Unzufriedenheit mit der Griechenland-Politik mit geringen Wahlbeteiligungen abzeichnete“, meint Münch. „Die Flüchtlingsströme im eigenen Land haben diejenigen, die sich von der Politik nicht verstanden fühlten, an die Wahlurnen gebracht“, sagt Münch weiter. Den Aufschwung von nationalkonservativen Gruppierungen und das gesteigerte Verlangen nach Nationalbewusstsein und Identität, erklärt sie durch die zunehmende Unzufriedenheit und die Befürchtung der Einheimischen, es komme innerhalb der Gesellschaft zu Ungleichbehandlung. Diese Ungleichbehandlung äußert sich Münchs Aussage nach bei dieser Gesellschaftsgruppe darin, dass zum Beispiel Wohnflächen, die nicht bebaut werden durften, nun von Flüchtlingen bewohnt werden dürfen.

Dem Aufleben von nationaler Identität steht sie kritisch entgegen und verweist auf das Zitat von François Mitterand „Nationalismus ist Krieg!“ Die Aufgabe von Politischer Bildung und Parteien sieht sie darin, Wertmaßstäbe und Haltungen zu vermitteln und so dem Extremismus entgegenzusteuern.  Als Schlusswort gibt sie zu Bedenken, dass keiner in der Gesellschaft vergessen werden dürfe und schlägt vor, dass sich Flüchtlinge als Beitrag zur Integration um andere Gruppen (z. B. Obdachlose) kümmern sollen. Außerdem rät sie negative Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik als Ergebnis rechtsstaatlicher Verfahren zu akzeptieren. Auf die Frage, welche Bedeutung und welche Möglichkeiten Politische Bildung in der Schule habe, kritisiert sie, dass der Sozialkundeunterricht zu viel Detailfragen nach Fakten z. B. Anzahl der Münchner Stadträte behandle, allerdings keine politische Haltung vermittle. Sie fordert einen größeren praktischen Anteil im Sozialkundeunterricht.

Der nächste Termin im Rahmen dieser Ringvorlesung findet am 19. Juni 2017 um 19 Uhr an der KSFH Benediktbeuern statt.  Dann wird Daniel Krochmalnik zum Titel „ Adam – Displaced person“ sprechen.

> Alle weiteren Termine im Flyer zur Ringvorlesung

Beitrag und Fotomaterial: Nico Wunderle, AG Politische Bildung