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Regelschule, Mittagsbetreuung und Vereine sind Katalysatoren für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung

31.03.2017 - 07:42

Vor knapp fünfzig Zuhörern präsentierten Studierende der KSFH in Benediktbeuern am 28. März die Ergebnisse ihres Projekts „Ankommen im Loisachtal - Netzwerke von Schülerinnen und Schülern mit Fluchterfahrung“. In der anschließenden, engagierten Diskussion mit der Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Kerstin Schreyer, stand das Schicksal vor allem von Abschiebung bedrohter Familien im Loisachtal im Fokus.

Benediktbeuern, 30. 3. 2017 – Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Netzwerkforschung“ unter der Leitung von Prof. Dr. Egon Endres haben die insgesamt 24 Studentinnen und Studenten Interviews und Netzwerkanalysen durchgeführt: dazu haben sie 30 Schülerinnen mit und ohne Fluchterfahrung etwa danach befragt, welche Personen ihnen wichtig sind, wen sie um Rat und Unterstützung fragen, mit wem sie ihre Freizeit verbringen oder welche Berufswünsche sie haben. Einbezogen in die Untersuchung wurden auch Mitarbeiterinnen der Mittagsbetreuung sowie Eltern. Die Erhebung hatte zum Ziel, Vernetzungen der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Fluchterfahrung zu analysieren und darzustellen.

Drei Faktoren erwiesen sich als besonders förderlich für Vernetzung und Integration: der Besuch der Regelschule und der Mittagsbetreuung sowie Aktivitäten in Vereinen. Die Studierenden fanden heraus, dass vor allem Kinder im Grundschulalter rasch die deutsche Sprache lernen und Freundschaften mit anderen Kindern knüpfen, sobald sie über grundlegende Deutschkenntnisse verfügen. Dabei unterscheiden Kinder im Grundschulalter nicht, wer „von hier“ ist und wer nicht: Freundschaften bilden sich unabhängig davon, ob der andere einen Migrationshintergrund hat oder nicht. Miteinander sprechen zu können und gemeinsame Aktivitäten zu haben, sind die Motoren für den Aufbau von Freundschaften: „Am Anfang war ich ganz allein. Sobald ich ein bisschen die Sprache konnte, habe ich erste Freunde gefunden“, äußerte ein Junge aus Afghanistan im Interview.

So positiv sich die frühe Einbindung von Kindern und Jugendlichen in der Regelschule auf die Kontakte auswirkt, so negativ zeigten sich in der Erhebung die Effekte durch den Besuch von sogenannten Integrationsklassen an Berufsschulen. Eine Gruppe der Studierenden hatte Interviews mit jungen Geflüchteten im Alter von 17 bis 24 Jahren an Berufsschulen durchgeführt. Und hier zeigte sich: Sobald in den Klassen ausschließlich Jugendliche mit Flucht- bzw. Migrationserfahrungen waren, wurde es schwer bis fast unmöglich, alltägliche Kontakte zu anderen, insbesondere zu gleichaltrigen deutschstämmigen Jugendlichen, aufzubauen. Berufsintegrationsklassen führen so in die Abschottung, dies bestätigte auch Kerstin Schreyer, die Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Hier sei ein anfangs positives Modell ins Gegenteil umgeschlagen. Schreyer nahm aus dem Projekt der Studierenden an der KSFH den Auftrag mit, sich „das Modell der Berufsintegrationsklassen nochmal genau anzuschauen.“ Bei allem Positiven: Eine unsichere Bleibeperspektive, wie etwa bei Familien aus Afghanistan, sowie die Fluchterfahrung hinterlassen ihre Spuren bei den Heranwachsenden. So zeigten Netzwerkkarten und Interviews deutlich, wie wichtig ihnen Bildung ist. Der Wunsch nach einem „guten“, angesehenen Beruf und damit einer sicheren Zukunft ist stark ausgeprägt.


Engagierte Diskussion am Ende der Projektpräsentation mit Frau Kerstin Schreyer, Integrationsbeauftragte der Staatsregierung (stehend)

Große Anerkennung zollten die Anwesenden den Studierenden für ihre Arbeit: „Junge Menschen wie Sie machen mir große Hoffnung“, äußerte ein Zuhörer. Daneben gab es in der anschließenden, sehr engagierten Diskussion auch kritische Wortmeldungen von Studierenden sowie ehrenamtlich Aktiven in der Flüchtlingshilfe zur aktuellen Abschiebepraxis von Flüchtlingen aus Afghanistan in ihr Heimatland. Hier machte Schreyer deutlich, dass weder sie noch die Regierungen der Länder sich über die gesetzliche Regelung des Auswärtigen Amtes hinwegsetzen könnten, die Afghanistan zum sicheren Herkunftsland bestimmt hat. „Schicken Sie mir jeden Fall, bei dem jemand nach der Ausweisung nach Afghanistan nachweislich zu Schaden gekommen ist“, forderte Schreyer die Anwesenden auf.

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Pressekontakt: Katja Wippermann, 08857-88 325, katja.wippermann.Extern@ksfh.de