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Hochschulpolitischer Pflegefachtag am 28.03.2017: Die Akademisierung der Pflege: ein existenzielles Thema für die Gesundheitsversorgung

03.04.2017 - 14:07

Hochschulpolitischer Pflegefachtag „Verantwortung von Hochschulabsolventen in der Pflege“ am 28. März 2017 an der KSFH

Die Akademisierung der Pflege: ein existenzielles Thema für die Gesundheitsversorgung

Am Dienstag, 28. März, organisierten mehrere Studierendenvertretungen bayerischer Hochschulen einen „Hochschulpolitischen Pflegefachtag“ an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München (KSFH). An dem Fachtag, zu dem die Amtschefin des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, Ruth Nowak, eingeladen war, nahmen weit über 250 Personen  aus Hochschule, Praxis und Politik teil. Der erste Studiengang in der Pflege im Bundesland Bayern wurde 1995 an der KSFH eingeführt, seither stellt sich für beide Seiten – Hochschule und Praxis – immer wieder die Frage, welche Bedeutung die Akademisierung in der Pflege hat und welche beruflichen Positionen die Pflegefachkräfte einnehmen sollten, die einen Pflegestudiengang studiert haben. Der Fachtag rollte die Diskussion um die „Akademisierung der Pflege“ erneut auf und thematisierte ein weiteres zentrales Thema: die politische Beteiligung der Pflege in Bayern.

München, 03.04.2017 – Im Mittelpunkt, so der Konsens, steht die alltägliche Versorgung der Menschen, die pflegebedürftig sind. Doch, wo genau liegt hier die Verantwortung von den Pflegefach-kräften, die einen Hochschulabschluss – und somit auch wissenschaftliches Wissen – in ihren Pflegeberuf einbringen? Welche  Aufgaben können oder sollen Hochschulabsolventen in der Pflegepraxis übernehmen, welchen Beitrag zu einer menschlich angemessenen Versorgung leisten die Akademiker – und wo sieht die bayerische Politik Pflegeakademiker im Zusammenspiel mit den verschiedenen Akteuren in der Pflege bzw. in der Gesundheitsversorgung? Fragen, die an dem vergangenen Dienstag in der Aula der KSFH eine Antwort finden sollten, denn an diesem Nachmittag luden die Studierendenvertretungen der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH), Evangelischen Hochschule Nürnberg, Hochschule Rosenheim, Technischen Hochschule Deggendorf (THD) und der Katholischen Stiftungsfachhochschule München zu einem Fachtag mit Dialogrunde und verschiedenen Workshops ein. Nach der Begrüßung durch Matthias Witti, Student im Masterstudiengang Angewandte Sozial- und Bildungswissenschaften und Studierendenvertretung München, leitete Christoph Ohneberg (Student im Bachelorstudiengang Pflegepädagogik, KSFH) das Interview „Von ‚Barmherzigkeit‘ zu ‚Bachelor‘“ ein, das er mit Prof. Dr. em. Johannes Kemser, dem Gründungsdekan des Fachbereichs Pflege an der KSFH führte. „Allein die Pflegebedürftigkeit von Menschen“, so der ehemalige Dekan, der die Einführung des ersten Pflegestudiengangs in Bayern mitinitiiert und begleitet hat, „rechtfertigt die Akademisierung der Pflegeberufe. Die akademische Ausbildung ist für eine qualifizierte Pflege existenziell. Hierbei geht es den Hochschulen auch nicht darum, das Berufsprofil Pflegender auszuweiten, sondern ihre Handlungs-fähigkeiten zu schärfen und ihr Profil als Pflegefachkraft – im Sinne einer menschenrechtsbasierten und angemessenen Pflege – zu intensivieren.“ Je tiefer die Berufsgruppe der Pflegenden inhaltlich und wissenschaftlich eingebunden sei, desto intensiver seien auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Themen und die Selbstverantwortung, die hieraus in der Pflege erwächst. Doch leider zeichneten sich nach wie vor Akzeptanzprobleme ab: „Das Thema“, so Prof. Dr. em. Kemser, „hat nicht an Brisanz verloren.“ Er erinnere sich nur zu gut an die Widerstände in den 90ern, in einer Zeit, in der die ersten Pflegestudiengänge eingeführt wurden. „Zu der Zeit war es der eigene Berufsstand, die Pflegenden und auch die Träger, die eine akademische Ausbildung in Frage stellten. Heute sind es die vorherrschenden strukturellen und personellen Rahmenbedingungen, durch die das Thema aktuell bleibt.“

Wie wichtig es allerdings ist, die Rahmenbedingungen für Hochschulabsolventen in der Berufseinmündung zu verbessern, ihr Profil in ihrem späteren Berufsalltag zu schärfen und die Akademisierung der Pflege weiterhin voranzutreiben, zeigte die Dekanin des Fachbereichs Pflege an der KSFH, Prof. Dr. Constanze Giese auf: „Eine akademische Ausbildung in der Pflege dient nicht dem Selbstzweck. Vielmehr sorgt eine Ausbildung, die über die Praxiserfahrungen hinausgeht, nachweislich für die Verbesserung der Situation von pflegebedürftigen Menschen. Wenn sich keiner qualifiziert in der Pflege einsetzt, dann entsteht eine schmerzliche Lücke in der Versorgung.“ Die Dekanin folgte in ihrer Begrüßung auf den Präsidenten der KSFH, Prof. Dr. Hermann Sollfrank, der den Pflegefachtag als eine „wichtige Plattform“ wertete, um mit Vertretern aus Praxis und Politik gleichermaßen in Verbindung zu stehen.

Nach einem kurzen Grußwort von Ruth Nowak, der Amtschefin des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, folgte eine Dialogrunde mit Ruth Nowak, Johanna Koopmans (Pflege dual, KSFH), Christina Koutrafouris (Pflegemanagement, KSFH), Thomas Auerbach (Pflegepädagogik, Technische Hochschule Deggendorf) und Jenny Kubitza (Pflegewissenschaft, KSFH). In der folgenden Diskussion ging es dann nicht alleine um das Kernthema und somit um die Verantwortung von Absolventen im Pflegeberuf, sondern auch darum, wo die Politik eingreifen und einen geeigneten Rahmen – auch im Miteinander und in der (notwendigen) Abgrenzung der verschiedenen Berufsgruppen – schaffen kann. Ruth Nowak stellte der Dialogrunde voran, wie wichtig es in der Pflege sei, Ausbildungsstandards einzuhalten: „Der Notstand an Pflegepersonal darf nicht dazu führen, dass in der Ausbildung an Qualität gespart wird.“ Gleichermaßen appellierte sie hier an die Selbstverwaltung der Pflege und wies daraufhin, „dass die Leistungserbringer mit den Pflegekassen selbst in Verhandlung treten müssen, wenn es um eine angemessene Entlohnung geht.“ Hier könne das Ministerium sich allenfalls als Mediator einbringen, nicht aber als Entscheider. Zugleich zeigte sie Modellprojekte des Gesundheitsministeriums auf, die auf ein Umdenken in der Pflegepraxis, in den herkömmlichen Abläufen, zielen. Sie sprach sich dafür aus, die Studienangebote bayernweit zu vereinheitlichen, auch, um es den Personalentscheidern in Praxiseinrichtungen zu erleichtern, das Bewerberprofil eines Pflegeakademikers zu umreißen. Beim Thema „Interdisziplinarität“ war sich die Dialogrunde einig: „Die Behandlung von Patienten ist immer interdisziplinär angelegt“, so die Masterstudentin Jenny Kubitza. „Doch wichtig ist, dass die Pflege in diesem Umfeld als eigenständige Disziplin anerkannt wird.“ Noch immer, so der Einwand von Student Thomas Auerbach, fehle die Bereitschaft der Ärzte, verantwortungsvolle Aufgaben zu delegieren. Hier müssten noch viele Verantwortungspositionen geklärt werden, denn „Blutabnehmen reicht in der Verantwortungsübertragung ganz sicher nicht aus.“ Ruth Nowak pflichtete hier bei: „Die Bereitschaft ist bei vielen Ärzten nach wie vor nicht vorhanden, allerdings gehe ich fest davon aus, dass die Substitution bereits in der nächsten Legislaturperiode ein zentrales Thema sein wird.“ Denn gerade im ländlichen Raum wird die ärztliche Versorgung aufgrund fehlender Arztpraxen immer schwieriger – und dadurch, so die Prognosen, wird es immer wichtiger, neue Versorgungsformen unter verantwortlicher Mitarbeit der Pflegenden zu entwickeln.

Im Schlusswort zum Dialog und auch in den folgenden Workshops ging es um die „eigene Stimme der Pflege“, d. h. um eine institutionalisierte Interessensvertretung der Berufsgruppe der Pflegenden. Wie kann es sonst gelingen, sich als eine feste Instanz neben Nachbardisziplinen wie der Medizin zu etablieren? Eine Pflegekammer wie in Rheinland-Pfalz wird es in Bayern vorerst nicht geben, dafür nun eine „Vereinigung der Pflegenden in Bayern“ als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Differenzen in der Interessensvertretung zu einer Pflegekammer müssen weiterhin durch das ausgeglichen werden, was sich an dem Fachnachmittag und an der hohen Beteiligung abzeichnete: durch das Engagement und das stetige Miteinander der Personen, die in der Pflege arbeiten – und durch eine konsequente Informationspolitik, die verdeutlicht, wie wichtig die Mitgliedschaft im Berufsverbänden für den Status der Pflege ist. „Organisieren Sie sich, bleiben Sie im Dialog“, so fasste es die Amtschefin Ruth Nowak in ihrem Schlusswort für ihre Zuhörer zusammen und so gilt es auch für alle Pflege(fach)kräfte in Bayern.

Für weitere Informationen können Sie sich gerne jederzeit an folgenden Pressekontakt wenden:
Katholische Stiftungsfachhochschule München:
Sibylle Thiede
E-Mail: sibylle.thiede@ksfh.de
Tel.: 089/480921466

Entsprechendes Bildmaterial findet sich unter:
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Quelle: Katholische Stiftungsfachhochschule München, für Bildunterschriften gerne an Pressekontakt wenden.

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