Die Hochschule zum Thema Flucht

Veranstaltungsreihe 2016

Im Dialog: Münchner Hochschulen und die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe -
Kinder, Jugendliche und Familien nach der Flucht

Die Münchner Kinder- und Jugendhilfe ist in den letzten Monaten durch die Aufnahme und Betreuung vieler unbegleiteter wie begleiteter Jugendlicher, Kinder und ihrer Familien extrem herausgefordert. Sie modifiziert die Angebotsformen und baut neue Hilfestrukturen auf. Europa- und deutschlandweit prägt allerdings zunehmend die Abwehr geflüchteter Menschen die politischen und gesetzlichen Beschlüsse. So kippt die Verabschiedung des Asylpakets II durch den Deutschen Bundestag beispielsweise die Konzeptualisierung von Mindeststandards in Flüchtlingsunterkünften, die den Schutz von Frauen und Kindern sichern sollten und setzt den Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutzstatus aus. Insgesamt werfen diese Entwicklungen die Frage nach den professionsethischen Standards und fachlichen Mandaten der Sozialen Arbeit auf.

Mit der Dialogreihe 2016 wollen die beiden Münchner Hochschulen mit Vertreterinnen und Vertretern der Praxis ausloten, welche Entwicklungen sich vor Ort in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe abzeichnen und darüber diskutieren, wie es um die bewährten Standards fachlichen Handelns steht, 25 Jahre nach Inkrafttreten des international anerkannten Kinder- und Jugendhilfegesetzes SGB VIII.

Sozialpädagogische Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe sind in München knapp und haben angesichts von vielen minderjährigen Hilfebedürftigen und deren Familien besonders komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Mit der Tagungsreihe wollen die Münchner Hochschulen gemeinsam mit den Trägern der freien und öffentlichen Jugendhilfe auch die Hochschulausbildung und die Fort- und Weiterbildungsbedarfe in den Blick nehmen.

Auftaktveranstaltung am 12. April 2016
von 15.30 – 19.00 Uhr
an der Hochschule München, Lothstraße 64, Roter Würfel, 1. Stock

Programm

15.30 Uhr: Grußworte
Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann, Vizepräsidentin der Hochschule München
Prof. Dr. Annette Vogt, Vizepräsidentin der KSFH
Einführung in die Veranstaltung

15.45 Uhr:
Vortrag von Prof. Dr. Dr. hc Reinhard Wiesner
Kinder, Jugendliche und Familien nach der Flucht – Menschen, die bleiben – Soziale Verantwortung im Spannungsfeld aktueller Asyl- und Kinder- und Jugendhilfepolitik

16.45 Uhr:
Dr. Heinz Kindler
Kinder, Jugendliche und Familien nach der Flucht – Schutz und Sicherheit als Aufgabe

17.30 Uhr: Pause

18.00 Uhr: Podiumsdiskussion
Dr. Heinz Kindler (DJI München), Prof. Dr. Susanne Nothhafft (KSFH), Markus Schön (kommissarischer Leiter des Stadtjugendamts München), Luis Teuber (Teamleitung JHumF Dependance, Diakonie Hasenbergl e.V.), Prof. Dr. Dr. hc Reinhard Wiesner (Berlin), Prof. Dr. Gabriela Zink (Hochschule München); Moderation: Prof. Dr. Andreas Schwarz, KSFH

Anmeldung für den Auftakt bis zum 1. April 2016

Aus organisatorischen Gründen ist eine gesonderte Anmeldung zu den jeweiligen Veranstaltungen in der Dialogreihe erforderlich. Bitte melden Sie sich für die Auftaktveranstaltung spätestens bis zum 1. April unter flucht_jugendhilfe@hm.edu an.

Weitere Veranstaltungen in der Reihe

Fachtag ‚Fokus Praxis‘ am 21. Juni 2016
von 09.30 bis 17.00 Uhr an der KSFH
Der Fachtag Fokus Praxis befasst sich mit den derzeitigen Verfahren und Standards in zentralen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe, wie z. B. offene Kinder- und Jugendarbeit, Inobhutnahmen, erzieherische Hilfen und Jugendsozialarbeit zwischen Dekonstruktion und Normalisierung. Zudem wird die Frage nach den Übergängen zwischen den Angeboten fokussiert, sowie die Herausforderungen der Arbeit in interdisziplinären Teams.

Fachtag ‚Fokus Hochschulen‘ am 11. Oktober 2016
von 15.30 bis 19.00 Uhr an der Hochschule München
Der Fachtag Fokus Hochschulen nimmt die Herausforderungen an die Disziplin und Profession Sozialer Arbeit in den Blick und diskutiert die Dilemmata zwischen Professionsethik und fachlichem Mandat. Auch Fragen zur Hochschulausbildung sowie zu den Fort- und Weiterbildungsbedarfen werden diskutiert.

Abschlussveranstaltung am 21. November 2016

von 15.30 bis 19.00 Uhr an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München
In der Abschlussveranstaltung wird eine Bilanz der Veranstaltungsreihe gezogen: Welche Entwicklungen zeichnen sich 25 Jahre nach Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes SGB VIII vor Ort in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe ab, wie können Hilfestrukturen verstetigt und bewährte Standards fachlichen Handelns gewährleistet werden? Welchen Beitrag zur Qualifizierung des Personals können Hochschulen leisten?

Anmeldung zu den weiteren Veranstaltungen
Bitte merken Sie sich diese Termine vor. Sie erhalten von uns rechtzeitig das ausführliche Programm zu den Folgeveranstaltungen. Die Anmeldung zu den einzelnen Veranstaltungen erfolgt jeweils separat unter flucht_jugendhilfe@hm.edu.

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Podiumsdiskussion zum Thema „Aktuelle Flüchtlingssituation in Benediktbeuern und der näheren Umgebung“

Aufgrund der Aktualität des Themas und um den Bürgern aus der Umgebung von Benediktbeuern die Möglichkeit zu geben, ihre Fragen von Experten beantworten zu lassen, fand am 11. Januar 2016 im Audimax der Katholischen Stiftungsfachhochschule München Abteilung Benediktbeuern die Podiumsdiskussion zum Thema ‚Aktuelle Flüchtlingssituation in Benediktbeuern und der näheren Umgebung‘ statt. Der Abend mit prominenten Podiumsgästen wurde im Rahmen eines Praxis III-Projekts von Studenten der KSFH organisiert. Um politische Fragen zu klären, nahmen Landrat Josef Niedermaier aus Bad Tölz/Wolfratshausen und der Bürgermeister Hans Kiefersauer aus Benediktbeuern am Podium teil. Darüber hinaus waren Pater Reinhard Gesing, Direktor des Klosters Benediktbeuern, Rudi Mühlhans, Mitglied im Helferkreis Asyl und im Gemeinderat Benediktbeuern sowie Hassan Ali Djan, ehemaliger Flüchtling aus Afghanistan, eingeladen, an der Diskussion teilzunehmen. Hauptkommissar Steffen Wiedemann beantwortete Fragen zur Sicherheitslage.

Rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörer fanden sich an dem Abend im Audimax der Abteilung Benediktbeuern ein. Moderiert wurde das Podium von Prof. Dr. Egon Endres.

> Beitrag im Tölzer Kurier, 13. Januar 2016

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An den Grenzen des Rechts: Abwehr statt Schutz. Flüchtlingsbekämpfung an und außerhalb der Grenzen Europas

Ein Fachnachmittag an der KSFH in München

Der 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte, er widmet sich der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die genau an diesem Tag im Jahr 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen unterzeichnet wurde. Ein historisches Ereignis, das den rechtlichen Grundstein dafür gelegt hat, die Grundfreiheiten eines jeden Menschen zu wahren und zu schützen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Nothhafft (Studiendekanin Fachbereich Soziale Arbeit München), nahm die KSFH diesen Tag als Anlass, um über die Situation von Menschen auf der Flucht nachzudenken – und kritisch zu hinterfragen, inwiefern Menschenrechte hier beachtet oder missachtet werden. Unter dem Titel ‚An den Grenzen des Rechts: Abwehr statt Schutz. Flüchtlingsbekämpfung an und außerhalb der Grenzen Europas‘ lud die Hochschule zu einem Fachnachmittag in die Aula ein. Als Redner und Impulsgeber waren Dr. Stephan Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat und Bernd Kasparek, bordermonitoring.eu e.V., Büro München, eingeladen.

Bernd Kasparek sprach über ‚Aktuelle EU-Grenzpolitik: Relocation, Resettlement und Hotspots‘ und zeigte dabei die chronologische Entwicklung der europäischen Grenzpolitik auf. Die vermeintliche ‚Flüchtlingskrise‘, von der in den Medien aktuell die Rede ist, sei vielmehr eine Krise der europäischen Grenz- und Migrationspolitik. Schon lange, so Kasparek, sind Flüchtlinge, die in Booten das Mittelmeer überqueren, eine Wirklichkeit, doch sei es Europa bis heute nicht gelungen, Fluchtwege oder auch Aufnahmeverfahren zu schaffen, bei denen die Menschen auf der Flucht keinen monatelangen, übermäßigen Strapazen oder lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt sind. Zwar, so der Redner, gebe es mittlerweile Resettlement-Programme, die legale und daher sichere Fluchtwege vorsiehen, indem die Menschen nahe der Krisengebiete einen Antrag auf Asyl in einem europäischen Land stellen können und erst dann (z. B. mit Flieger) ausreisen, doch gebe es hier noch Entwicklungspotenziale - vor allem im Hinblick auf den Umfang. Zudem beherberge dieses Programm die Gefahr, dass Asylbeantragende, die nicht über das Resettlement-Programm nach Europa kommen, dann zu Asylbeantragenden zweiter Klassen werden - mit weniger Aussicht auf Erfolg. Durch ‚Hotspots‘ würden, so Kasparek, zentrale Auffanglager geschaffen, ohne auf Ebene der Europäischen Kommission zu definieren, wie es für die dort ankommenden Menschen auf ihrem Fluchtweg weitergeht. Professorin Nothhafft sprach im Anschluss an den Vortrag von einer „Schere,die immer weiter aufgeht“ zwischen den menschenrechtlichen Verpflichtungen der Nationalstaaten und der tatsächlichen Asyl- und Aufnahmepraxis in den europäischen Ländern und betonte, dass wir offensichtlich eher auf der operativen Ebene der Grenzkontrolle agieren, statt die Menschen auf ihrer Flucht zu unterstützen.


Bernd Kasparek, bordermonitoring.eu e.V., Büro München

Dr. Stephan Dünnwald vom Bayerischer Flüchtlingsrat skizzierte in seinem Vortrag „Bekämpfen wir Fluchtursachen oder die Menschen auf der Flucht?“ zunächst die maßgeblichen Strukturen bzw. Entscheidungsträger in der Grenzpolitik – und verdeutlichte bereits zu Beginn seines Impulses, wie schnell und reibungslos Entscheidungen auf Kommissions- oder Ratsebene gefällt werden, sobald es um die Abwehr bzw. die Abschiebung von Menschen auf der Flucht geht. Dagegen dauere es oft Wochen und Monate, wenn die Verteilung der Menschen innerhalb Europas organisiert werden soll. „Manche Länder in Europa sehen und verstehen sich auch ausschließlich als Transitländer, sie sind nicht bereit, den Menschen in Not Zuflucht zu gewähren.“ Generell, so Dünnwald, seien mittlerweile aber alle Staaten überfordert, es ginge den Ländern Europas nun vor allem darum, ein schnelles Abschieben zu ermöglichen. So würden Verhandlungen mit der Türkei geführt, sich als „Pförtner“ nach Europa zu positionieren. Auch gebe es Gespräche mit afrikanischen Machthabern über den Aufbau von Grenzschutzmaßnahmen, die Menschen davon abzuhalten, ihr Land zu verlassen. Hier sei Deutschland federführend beteiligt, wenn es um die Bereitstellung von Überwachungstechniken oder Strukturentwicklung in der Grenzkontrolle geht, um ‚ungeplante Fluchtbewegungen’ von Frauen, Männern und Kindern zu unterbinden.


Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Susanne Nothhafft, Bernd Kasparek und Dr. Stephan Dünnwald

Von „Nachhaltigkeit“ war am Ende, im Rahmen der Diskussionsrunde mit dem Publikum, die Rede. Wie kann nachhaltig vermieden werden, dass Menschen ihre Heimat überhaupt erst verlassen müssen? Welche Lebensbedingungen müssen geschaffen werden, auch für die Menschen, die in ihr Land zurückkehren wollen? Auch appellierten die Redner des Fachnachmittags an ihre Zuhörer, immer da Einfluss zu nehmen, wo sie als Bürgerinnen und Bürger Einfluss nehmen können. „Eine kritische Kontrolle staatlichen Handels durch die Medien findet hier nicht statt. Wir dürfen uns die Frage stellen, warum die Presse nicht aufklärt. Warum gibt es keine angemessene Berichterstattung über die Arbeit von Frontex, Eunafor Med oder die Khartoum Erklärung?“, so der Einwand von Professorin Nothhafft. Flucht und Zuflucht ist ein Bürgerinnen- und Bürgerthema, so der Konsens des Nachmittags, hier sollte zivilgesellschaftliches Engagement durch  hinreichenden Transparenz und Information ermöglicht werden.